Die sechste Staffel des Podcasts Lebende Legenden widmet sich Franz Vranitzky, österreichischer Bundeskanzler von 1986 bis 1997. In der vierten und letzten Folge erzählt der 1937 in Wien geborene Sozialdemokrat von seinen elf Jahren an der Spitze der Republik Österreich: vom Aufstieg der FPÖ unter Jörg Haider, vom Fall des Eisernen Vorhangs, vom EU-Beitritt – und von seiner Frau Christine, mit der er seit 64 Jahren verheiratet ist.
Innsbruck und Neuwahlen: Im Herbst 1986 stürzt Jörg Haider beim FPÖ-Parteitag in Innsbruck den liberalen Parteiobmann Norbert Steger – im Saal sind Sieg-Heil-Rufe zu hören. Bundeskanzler Franz Vranitzky, seit drei Monaten im Amt, beendet die Koalition mit der FPÖ und ruft Neuwahlen aus. Die SPÖ gewinnt mit gut 42 Prozent, es folgt die Koalition mit der ÖVP. Aus „Nicht mit Haider“ wird ein Grundsatz, den die Medien Vranitzky-Doktrin taufen und der die SPÖ bis heute prägt.
Bolzenschneider und Eiserner Vorhang: Im Mai 1989 beginnt Ungarn, seinen Grenzzaun abzubauen. Am 27. Juni durchschneiden Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn bei Klingenbach den Stacheldraht – das Foto geht um die Welt. „War gestellt. Aber egal“, sagt Vranitzky heute. Zehntausende DDR-Bürger:innen fliehen über Ungarn und Österreich in den Westen. Österreich hilft mit Reisedokumenten aus – abgesprochen mit Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher.
Volksabstimmung und Internationale: Im Juli 1989 beantragt Österreich den Beitritt zu den Europäischen Gemeinschaften, dem Vorläufer der EU. Am 12. Juni 1994 stimmen zwei Drittel für den Beitritt, bei 82 Prozent Beteiligung – obwohl Jörg Haider vor „Blutschokolade“ und Blattläusen im Joghurt gewarnt hat. Im Festzelt stimmt ausgerechnet ÖVP-Vizekanzler Erhard Busek die Internationale an: Die Roten kannten den Text nicht.
Christine und eine Niere: Seine Frau Christine lernt Franz Vranitzky 1958 beim Basketball kennen. 30 Jahre später versagen ihre Nieren, die erste Spenderniere hält 16, 17 Jahre. Am 31. Mai 2005 spendet ihr Franz Vranitzky im Wiener AKH eine eigene Niere. Heute sind die beiden 64 Jahre verheiratet, haben zwei Kinder, sechs Enkel und ein Urenkelkind.
Rücktritt und Albanien: Am 18. Jänner 1997 tritt Vranitzky nach zehneinhalb Jahren überraschend zurück – niemand war eingeweiht. Entzugserscheinungen hat er keine: Er hat den Entzug selbst herbeigeführt, absichtlich und vorsätzlich. Wenige Wochen später schickt ihn die OSZE als Sonderbeauftragten nach Albanien, wo nach dem Kollaps betrügerischer Pyramidenspiele der Staat zusammenbricht. Heute fürchtet Vranitzky die Rückkehr der Kriegsgefahr in Europa – und will dem Verlust demokratischer Grundwerte entgegensetzen, was er kann.