Lebende Legenden

Franz Vranitzky - Der „Nadelstreifsozialist“ (3/4)

Episode Notes

Die sechste Staffel des Podcasts Lebende Legenden widmet sich Franz Vranitzky, österreichischer Bundeskanzler von 1986 bis 1997. In der dritten Folge erzählt der 1937 in Wien geborene Sozialdemokrat von seinem Aufstieg: vom Sohn eines zeitweise arbeitslosen Eisengießers aus Favoriten zum Vorstand zweier Banken, zum Finanzminister – und ins Kanzleramt.

Ziegelböhm und Kriegsheimkehrer: Im September 1945 spielt der siebenjährige Franz vor dem Haus, als ein Fremder mit Gehstock auf ihn zukommt: sein Vater, zu Fuß heimgekehrt aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Die Vorfahren der Vranitzkys kamen als böhmische Ziegelarbeiter nach Wien, „Ziegelböhm“ war ein Schimpfwort. Der Vater, Eisengießer und überzeugter Sozialdemokrat, verliert in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre Arbeit und Unterstützung – und wird später in der deutschen Wehrmacht wegen seiner linken Einstellung nie befördert.

Nationalbank und Ministerbüro: 1970 macht Bruno Kreiskys Finanzminister Hannes Androsch, erst 32, dem jungen Ökonomen aus der Oesterreichischen Nationalbank ein Angebot. Dem Vater gefällt das gar nicht: Einen Posten wie in der Nationalbank gibt ein vernünftiger Mensch nicht auf.

Bankdirektor: 1976 wechselt Franz Vranitzky in den Vorstand der Creditanstalt. 1981 übernimmt er die unter der Wirtschaftskrise leidende Länderbank und saniert diese.

Alpbach und Bedenkzeit: 1984 ruft Bundeskanzler Fred Sinowatz an: Er braucht einen Finanzminister. Vranitzky erbittet zwei Tage Bedenkzeit – und liest die Entscheidung noch am selben Tag als Aufmacher der Tageszeitung Kurier. Seine Kinder sagen: Wenn du uns brauchst, um das zu überlegen, dann lass es bleiben.

VOEST und rote Nelken: Im Herbst 1985 macht die verstaatlichte VOEST (damals noch Vöst) fast zehn Milliarden Schilling Verlust, nach heutiger Kaufkraft rund 1,75 Milliarden Euro. Der Finanzminister rührt am Heiligsten seiner Partei, der Sozialdemokratie: Der Staat muss sich aus der Industrie zurückziehen und viele seiner Beteiligungen schrittweise privatisieren. Am 16. Juni 1986 wird Franz Vranitzky als Bundeskanzler angelobt. Bei einer Betriebsrätekonferenz stehen ihm 4.000 Betriebsräte schweigend Spalier – in den Händen rote Nelken mit abgeknicktem Kopf.

Nadelstreif und Bilanz: Den Spott „Nadelstreifsozialist“ kontert Vranitzky trocken: Ex-Bundeskanzler BKreisky hatte viel dickere Nadelstreifen. Vier Mal führt er die SPÖ als Spitzenkandidat in Nationalratswahlen, vier Mal wird sie Erste – während Jörg Haiders FPÖ von unter zehn auf mehr als 22 Prozent wächst. Der heutigen SPÖ rät er: „Diese Partei muss wieder eine Partei werden. Das ist jetzt ein Fleckerlteppich.“